Quelle: Focus Online
Autor:  Corinna Schneider

Sportwissenschaftler über Krisenmodus

Couchkids durch Corona? 17 Tipps, wie Sie Ihre Kinder animieren, sich mehr zu bewegen
 
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Peter Gerfen, Sportwissenschaftler und ehemaliger Profi-Handballer im Gespräch mit FOCUS Online

Getty Images/Imgorthand/Peter Gerfen
Peter Gerfen, Sportwissenschaftler und ehemaliger Profi-Handballer im Gespräch mit FOCUS Online
 

Keine Schule, zu wenig Sport, dafür viel Fernsehen und Handy – wegen Corona sind viele Kinder zu Sofasitzern geworden. Der Sportwissenschaftler und ehemalige Profihandballer Peter Gerfen erklärt, wie Sie Kids zu mehr Bewegung motivieren – und warum sie so wichtig ist.

Die Corona-Zeit ist für alle eine große Herausforderung. Nicht nur für Eltern, die Homeoffice und Homeschooling unter einen Hut bringen müssen. Auch für die Kinder, die wegen Corona aus ihren gewohnten Abläufen und Aktivitäten herausgerissen wurden und plötzlich viel daheimsitzen.

Gerade für ältere Kinder, die nicht mehr über einen so großen natürlichen Bewegungsdrang verfügen, ist es teilweise sehr schwer aus dieser Lethargie wieder herauszukommen – denn vielerorts finden Schule und auch Sportangebote in Vereinen nur eingeschränkt statt. 

 

Bewegungsmangel und Fehlernährung – „Corona hat diese Probleme noch verstärkt“

„Bewegung ist für Kinder elementar wichtig“, mahnt der Sportwissenschaftler und ehemalige Profihandballer Peter Gerfen. „Denn sie leben ihre Gefühle darüber aus und wenn dieser Faktor fehlt, wirkt sich das negativ auf ihre Psyche und ihr Verhalten aus“, so Gerfen. Frustration, Unausgeglichenheit, aber auch Aggressionen sind die Folge.

Deshalb sieht der Sportwissenschaftler, der gerade sein neues Buch “Kinder in Bewegung – 100 Tipps gegen Bewegungsmangel und Fehlernährung” herausgebracht hat, Kinder auch als Verlierer der Krise. Zahlreiche Studien haben ohnehin schon gezeigt, dass Kinder sich heute im Vergleich zu früher viel weniger bewegen und schlechter ernähren. „Corona hat diese Probleme noch verstärkt“, erklärt Gerfen. Denn häufig werden sie daheim sich selbst überlassen und verbringen viel Zeit vor dem Fernseher, am Handy oder Tablet.

„Sport ist einfach wichtig für eine gesunde körperliche und geistige Entwicklung“

Doch Bewegung und Sport bei Kindern haben noch ein viel größere Bedeutung als eine positive Wirkung auf ihr momentanes Wohlbefinden und ihre psychische Ausgeglichenheit. „Aus medizinischer Sicht ist sportliche Aktivität bei Kindern und Jugendlichen wichtig, um Krankheiten vorzubeugen – seien es Stoffwechsel und Herz-Kreislauferkrankungen, aber auch orthopädische Probleme wie beispielsweise Rücken- oder Beckenfehlstellungen“, so Gerfen.

Für die Entwicklung des Gehirns ist Bewegung ebenfalls elementar: „Sport simuliert die Neubildung von Nervenzellen und Synapsen und fördert so die Gedächtnisleistung und Konzentration“. Dadurch werde das Lernverhalten maßgeblich gefördert. „Sport ist einfach wichtig für eine gesunde körperliche und geistige Entwicklung“, erklärt er.

17 Tipps, von insgesamt 100 aus dem Buch, wie Sie Ihre Kinder in Bewegung bringen:

1. Machen Sie die Gesundheit Ihrer Kinder und die bewegungsorientierte Entwicklung zu Ihrer Priorität.

2. Achten Sie in der Familie auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung.

3. Fördern Sie die Stärken Ihres Kindes, schätzen Sie seine Individualität.

4. Erörtern Sie mit Ihrem Kind, was es genau möchte und entscheiden Sie nicht über seinen Kopf hinweg.

5. Finden Sie heraus, welche Art von Bewegung ihrem Kind Spaß macht und ihm liegt – über diese positiven Erlebnisse wecken Sie die Selbstmotivation Ihres Kindes.

6. Nutzen Sie Vereins- und andere Angebote für Ihre Kinder – auch wenn manches vielleicht noch eingeschränkt stattfindet.

7. Stellen Sie beim Sport nicht den Förderaspekt in den Vordergrund, sondern den Spaß an der Bewegung.

8. Zwingen Sie ein Kind nicht zu einer Sportart, sondern berücksichtigen Sie seine Wünsche. Druck ist keine Lösung!

9. Auch voreilige Versprechungen oder Belohnungen sind nicht der richtige Weg – Erpressung zum Guten bringt keinen nachhaltigen Erfolge.

10. Sportstunden sollten als feste Termine im Kalender stehen.

11. Lassen Sie das Training nur in Ausnahmefällen ausfallen. Ein einfaches “Ich mag nicht” ist kein triftiger Grund.

12. Sollte Ihr Kind häufiger keine Lust haben, sprechen Sie mit ihm und finden Sie heraus, wo das Problem liegt. 

13. Hat das Kind über längeren Zeitraum keinen Spaß beim Training, bieten Sie ihm Alternativen an und lassen Sie es andere Aktivitäten ausprobieren.

14. Lassen Sie Ihrem Kind noch genügend Zeit für freies und kreatives Spiel.

15. Eltern sind Vorbilder für ihre Kinder und sollten sich deshalb auch so verhalten, wie sie es sich von ihren Kindern wünschen. Kinder sollten deshalb auch sehen, dass Eltern sich aus ihrer Komfortzone herausbewegen, um Dinge zum positiv zu verändern.

16. Denken Sie positiv, denn nur so gelingt ein erfülltes Zusammenleben in der Familie.

17. Loben Sie Ihr Kind, aber nicht übertrieben, sondern dosiert und ehrlich. Das motiviert und fördert die Selbstständigkeit.

Mehr als 180 Minuten am Tag – wie viel Bewegung Kinder brauchen

Wie viel sich Kinder bewegen sollen, hängt nicht nur mit dem individuellen Bewegungsbedürfnis der Kinder ab, sondern auch vom Alter. So empfiehlt beispielsweise das Bundesministerium für gesundheitliche Aufklärung :

  • Kindergartenkinder von vier bis sechs Jahren sollten sich mindestens 180 Minuten am Tag unter Anleitung oder auch frei bewegen.
  • Grundschulkinder von sechs bis elf Jahren sollten sich mindestens 90 Minuten moderat bis intensiv bewegen. Davon dürfen aber auch 60 Minute Alltagsaktivitäten wie Gehen seien (mindestens 12.000 Schritte pro Tag).
  • Dasselbe gilt auch für Jugendliche von 12 bis 18 Jahren.

Couch-Kids? Gesundheitsargumente interessieren Kinder nicht

Mit Empfehlungen des Bundesministeriums und Gesundheitsargumenten lassen sich Kinder aber leider nicht zum Sport und zur Bewegung animieren. Das weiß auch Gerfen, der selbst zwei Kinder hat. „Man muss manchmal schon mit ein paar Tricks arbeiten, um sie zu motivieren“, gibt er zu. „Aber das Allerwichtigste ist, etwas zu finden, das ihnen Spaß bereitet, ihrem Alter entspricht und das sie von sich aus gerne machen.“ Das bedeutet für Eltern: Immer wieder Angebote unterbreiten und Möglichkeiten schaffen, damit sie herausfinden können, was ihnen gefällt und entspricht.

Wenn Kinder dann bei ihren sportlichen Aktivitäten erleben, dass sie etwas gut können und es ihnen Freude bereitet, weckt das auch ihre intrinsische Motivation – das heißt, sie motivieren sich selbst, aktiv zu werden. Von einem zu frühen Trimmen seitens der Eltern oder auch durch Vereine rät Gerfen aber ab. Das schadet Kindern eher in ihrer Entwicklung –  sowohl körperlich als auch mental.

In der Gemeinschaft mach Sport am meisten Spaß

Gerade jetzt in der Corona-Zeit, wenn es viele Angebote gar nicht gibt, müssen Eltern selbst aktiv werden und ihre Sprösslinge mobilisieren: „Eltern sind auch hier gefordert und müssen jetzt Bewegungsmöglichkeiten selbst schaffen.“ Am besten Freunde oder Nachbarskinder mit einbeziehen, denn in der Gemeinschaft haben Kinder automatisch mehr Spaß an der Bewegung”, rät Gerfen.

Ob das nun Fußball, Federball oder Bewegungsspiele im Garten oder im Stadtpark sind: Wichtig ist es, mit ihnen raus in die Natur zu gehen und ihren Abenteuergeist und Bewegungsdrang wieder zu erwecken. „Hier kann man auch immer wieder kleine Wettkampfreize setzen, um sie zu motivieren. Zum Beispiel so schnell wie möglich einen Hügel hochzurennen oder so weit wie möglich zu hüpfen“, rät Gerfen.

Auch gemeinschaftliche Fahrradtouren, Ausflüge oder eine Schnitzeljagd durch den Park machen Kindern großen Spaß. Sollte das Wetter mal nicht mitspielen, kann man auch im Haus Bewegungsspiele machen. „Im Notfall können sie sich auch mal mit Sportprogrammen am Computer bzw. mit Spielkonsolen austoben“, so Gerfen. Das ist immer noch besser als bewegungslos am Handy auf dem Sofa zu sitzen.

Bei der Planung des Tagesgeschehens Kinder mit einbeziehen

Wichtig ist es darüber hinaus, Kinder in die Planung von Aktivitäten mit einzubeziehen und nicht einfach über ihren Kopf hinweg zu entscheiden. “Meine beiden Kinder (knapp fünf und zehn Jahre alt) dürfen vor gemeinsamen Aktivitäten ihre Wünsche und Vorstellungen zum Tagesgeschehen im Familienkreis vortragen”, erzählt Gerfen aus seinem Privatleben. Jeweils ein Familienmitglied dürfe dann, ungestört von Zwischenkommentaren, seine Wünsche äußern.

“Zwar variieren bei dieser Methode die Vorstellungen zum Teil erheblich voneinander und Eltern müssen am Ende entscheiden, aber dennoch haben Kinder ein Mitspracherecht und fühlen sich ernst genommen und wertgeschätzt.” Eltern müssen hier kreative Kompromisse finden, was nicht immer so einfach ist, aber dafür sind die Kinder zufriedener.

Corona als Chance für eine besser Strukturierung des Familienlebens

Dass die Corona-Krise nicht nur ein Fluch ist, sondern auch Veränderungen zum Positiven ermöglicht, sieht auch Gerfen. „Corona bietet uns die Chance, Prioritäten zu setzen und unseren Familienalltag neu zu gestalten, so dass wir gemeinsam mit unseren Kindern mehr Spiel, Sport und Spaß erleben.“ Dafür müssen Eltern sich gut organisieren, das weiß Gerfen aus eigener Erfahrung. “Wenn diese Umstrukturierungen im Alltag erfolgreich sind, entstehen daraus neue Gewohnheiten und eine positive Routine, auch über die Corona-Krise hinaus.“

Peter Gerfen, Meyer & Meyer Verlag

Mehr Info zum Buch “Kinder in Bewegung – 100 Tipps gegen Bewegungsmangel und Fehlernährung” unter bewegung-petergerfen.de