„Das ist mein Stift“ – „Nein, das ist meiner!“ – „Gib ihn mir zurück!“

Ein ganz normaler Donnerstagvormittag. Mein Sohn Jarno (10 Jahre) sitzt vor seinen „Anton“ Homeschooling Aufgaben am PC, sein Bruder Jan (5 Jahre) gesellt sich mit seinem (???) Stift dazu…

„Ruhe jetzt! Jarno muss sich auf seine Hausaufgaben konzentrieren“, rufe ich etwas genervt und energisch dazwischen.
„Hausaufgaben?“, erwidert Jan fragend, „ich will auch Hausaufgaben haben!“

Bestimmt haben Sie eine ähnliche Szene selbst schon erlebt. Homeschooling, erst recht auch noch mit mehreren Kindern unterschiedlichen Alters, erweist sich als echte Herausforderung für uns Eltern, ganz zu schweigen von dem Stress und Druck den wir unseren Kindern auflasten. 

So überraschte es nicht, dass die Universität Hamburg/Eppendorf in einer aktuellen Studie feststellt, dass bereits jedes dritte Kind seit Beginn der Corona Pandemie psychisch auffällig ist.
Hatten Kinder früher vielleicht ein flaues Gefühl vor einer Mathe Klausur im Magen, so klagen Kinder heute ganz allgemein viel stärker über Magen- oder auch Kopfschmerzen als Zeichen von Überlastung und als Symptome von psychosomatischen Störungen.
Des Weiteren wird in der Eppendorfer Studie aufgezeigt, dass heute zehnmal mehr Kinder als vor der Pandemie keinen Sport mehr betreiben. Spätestens jetzt sollten alle Alarmglocken läuten.
Wen wundert es, dass auch das Ernährungsverhalten in Pandemie Zeiten zu wünschen übrig lässt.

“Das Risiko von Übergewicht und Fehlernährung steigt, ganz besonders bei den Schulkindern über zehn Jahren“, sagt Berthold Koletzko von der Uni-Klinik München, der sich hierbei auf eigene Beobachtungen und den Ergebnissen einer Forsa Studie beruft.

Bewegungsmangel und Fehlernährung, ein in sich verstärkender Kreislauf mit unabsehbaren Langzeitfolgen für Kinder.
Aber doch werden diese elementaren und existenziellen Themen nur peripher besprochen. Prioritär wird das Thema Bildung behandelt.

Doch unter welchen Umständen und zu welchem Preis?

Warum müssen oder wollen wir Kindern in der jetzigen Zeit neuen Schulstoff ins Gehirn stopfen, bis Ihnen die Rübe platzt?

Entschuldigen Sie bitte meine Ausdrucksweise, aber mir kommt es fast wie Gänse stopfen vor. Natürlich nicht mit dem dann vorhersehbaren Gänse Ende für unsere Kinder, aber-und das belegen nun auch eindrucksvoll Studien- mit erheblichen psychischen Folgen für unsere Kinder.
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, kein Homeschooling und dafür Ferien auf dem Bauernhof (selbstverständlich natürlich mit Corona Abstand zu Mensch und Tier und ganz besonders zu Gänsen 😉 ) sind natürlich auch keine Lösungen.
Wäre es jedoch nicht besser und entspannter für alle, diese vermutlich nur noch bis zum Sommer 2021 zu überbrückende Pandemie Zeit dafür zu nutzen, um Wissenslücken zu schließen oder den Status Quo zu erhalten?

Bei uns in Niedersachen werden nun in allen Sportarten die Spielserien unterhalb der Profiligen abgebrochen. Das ist nicht schön, aber das Rumgeeiere hat ein Ende.

Mit der Schule geht es weiter. Mit uns Eltern als neuem Personal. Tja, wir sind eben wohl Profis 😉
Schwuppdiwupp wurden wir alle auf einmal Pädagogen, die dazu auserkoren (oder besser verdonnert) wurden, unser Land vor den Folgen einer verloren “Bildungscoronageneration” zu retten.

Was könnte nicht auch alles passieren, wenn Mama oder Papa im Homeschooling nicht motivieren und “bad teacher” und “good teacher” spielen?

Was würde aus all den klugen Köpfen von morgen werden, wenn für einige Monate mal nicht auf das Bildungsgaspedal gedrückt wird?
Wird dann alles in einigen Jahren zusammenbrechen und wir werden in Höhlen leben und auf Raubtier Jagd gehen, weil uns die Ingenieure und Architekten fehlen, die uns Häuser und Autos bauen..?
Mhm, ich denke nicht. Vielmehr müssen wir aufpassen, dass wir in einigen Jahren nicht eine Generation haben, die traumatisiert sein wird von dem, was wir als unabdingbare “Bildungscoronastratgie” heute festgelegt haben oder wie ich es nenne , dem „Bildungsstopfen“.

Vor einigen Tagen lies ich in einer großen Boulevard Zeitung:

Warum reden wir
so viel über Friseure,
aber so wenig über Kinder?

Ich möchte es marginal umformulieren:

Warum reden wir
so viel über Friseure,
aber so wenig mit Kindern?

Glauben wir wirklich, dass wir unsere Kinder an der Pandemie vorbeischmuggeln können? Natürlich möchten wir sie bewahren und ihnen keine Ängste machen. Aber Kinder sind sensibel und haben feinste Antennen. Sie erleben mit, was um ihnen herum passiert. Die Ängste der Eltern, Informationen aus Radio oder TV. Selbst wenn Eltern  denken gut zu filtern, werden sie es nicht schaffen, das Thema Corona gegenüber ihren Kindern auszublenden.

Kinder brauchen Antworten. Kindgerecht natürlich, aber sie wollen sich ernst genommen fühlen mit ihren Sorgen.
In meinem Buch Kinder in Bewegung habe ich bereits vor der Corona Pandemie viele Experten gefragt, was sich denn in unserem Schulsystem ändern müsste, um Kinder besser auf das Leben vorzubereiten.

Welche Schulfächer sollten ins Leben gerufen werden, um Kinder für die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu sensibilisieren?

Vom Fach „Menschsein“, das alle Komponenten eines empathischen Miteinanders abdeckt, bis hin zu gesunder Ernährung und ausreichend Bewegung, so die Antworten der Experten.

Es wird oft von Chancen in der Krise gesprochen. Warum nicht „Menschsein“, Bewegung und Ernährung im Homeschooling in den Fokus rücken?
Empathie und Solidarität, als die sozialen Kernkompetenzen. Es wird wohl niemals wieder eine Zeit geben, in  der wir unsere Kinder stärker als jetzt dafür sensibilisieren können. Das nenne ich Chance!

 

Beispiele oder Vorschläge:

  • Eine Videogesprächsrunde in der Woche, in der Kinder über Ihre Corona Sorgen mit ihrer Klassenlehrerin oder ihrem Klassenlehrer und ihren Mitschülern sprechen können.
  • Individuelle Bewegungstouren, vom Sportlehrer organisiert. Daraus resultierend auch mehr gemeinsame, sinnvolle und entspannte Zeit mit Eltern.
  • Thema gesundes Essen. Warum nicht als Hausaufgabe ein gesundes Essen zaubern. Der Lehrer darf dann auch gerne kosten – und sich sein Essen bei den Kindern abholen.

 

Es gibt so viele kreative Möglichkeiten!!!

Also liebe Bildungsminister, Experten und Lehrer…bitte neue Ideen entwickeln und Stress von Kindern und Eltern abbauen! Einen, trotz oder gerade wegen Corona, lebendigen Unterricht, der nachhaltig Kinder für ihr Leben stärkt!

Übrigens, die Causa „Stift“ konnte nicht mehr vollständig aufgeklärt werden. Nach vorzeitigem Homeschool Abbruch aufgrund einer Überlastung des Internets (wenn wundert es, wenn Millionen „Homeschool Lehrer“ gleichzeitig aktiv sind?) spielte es bei der Ankündigung des Papas nun Schlitten zu fahren auch keine Rolle mehr 😉